Wenn Ideologie Bildung ersetzt

Wirtschaft ist kein Hobbykurs für den Nachmittag. Sie ist die Lebensader unseres Landes, die Grundlage für sozialen Frieden, Innovation und Zukunft. Und doch wird sie im österreichischen Bildungssystem behandelt wie ein notwendiges Übel – wenn überhaupt. Während Kinder lernen, Gedichte zu analysieren oder Pflanzen zu bestimmen und dabei Gendern Priorität hat, bleibt ihnen verborgen, wie Preise entstehen, was ein Gewinn ist oder warum Schulden kein endloses Füllhorn darstellen. Wirtschaft – wenn überhaupt thematisiert, dann ideologisch und moralisch gefärbt – und meist negativ. In den Schulbüchern haben NGOs und De-Growth-Theorien mehr Gewicht, als die Lehren der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, deren wichtiger Vertreter der Gegenwart gerade wieder den Wirtschaftsnobelpreis gewonnen hat.

Das ist kein bloßes Versäumnis, sondern längst ein strukturelles Problem. Und es ist gefährlich. Denn ein Bildungssystem, das wirtschaftliche Kompetenz ignoriert oder sogar aktiv diskreditiert, sägt an dem Ast, auf dem unser gesellschaftlicher Wohlstand ruht.

Wirtschaft verschwindet im Unterricht

Die aktuelle Studie von Agenda Austria zeigt in aller Deutlichkeit: Wirtschaft als Schulfach existiert in Österreich faktisch nicht. Das Fach „Geographie und wirtschaftliche Bildung“ ist ein Sammelsurium, in dem ökonomisches Wissen zum Nebenschauplatz degradiert wird. Lehrkräfte fühlen sich im Umgang mit wirtschaftlichen Themen oft überfordert – kein Wunder, sie wurden in ihrer Ausbildung nie entsprechend geschult. Die Schulbücher wiederum liefern ein ideologisches Zerrbild: Globalisierung erscheint als Ausbeutung, Unternehmen als Täte  und Kapitalismus als Unrechtssystem.

Wenn Wirtschaft so dargestellt wird, ist das keine neutrale Wissensvermittlung mehr, sondern Gesinnungspädagogik. Die Folgen sind gravierend. Denn wer wirtschaftliche Zusammenhänge nicht versteht, kann sie weder hinterfragen noch mitgestalten. Junge Menschen werden so zu moralisch verunsicherten Konsumenten erzogen, nicht zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern.

Das beginnt bereits bei grundlegenden Fragen: Wie entsteht ein Preis? Was unterscheidet Umsatz von Gewinn? Warum kann ein Staat nicht einfach beliebig Geld drucken? Solche wirtschaftlichen Grundprinzipien, die für ein funktionierendes Gemeinwesen essenziell sind, werden in den Schulen kaum vermittelt. Statt Wissen erhalten die Schüler Meinungen. Statt Erklärung bekommen sie Bewertung. So entsteht ein Klima, in dem Wirtschaft pauschal mit Ausbeutung, Gewinn mit Gier und Kapitalismus mit Ungerechtigkeit gleichgesetzt wird.

Ein verzerrtes Bild von Wirtschaft

Laut der Studie von Agenda Austria halten 56 Prozent der Österreicher den Kapitalismus für ein schlechtes System – wohlgemerkt in einem Land, das zu den wohlhabendsten der Welt zählt. Wer aber nicht versteht, wie Wohlstand entsteht, wird ihn weder verteidigen noch erhalten können. Genau hier liegt das Grundproblem: Unser Bildungssystem fördert kein wirtschaftliches Verständnis mehr, sondern moralische Urteile ohne Faktenbasis.

Der Senat der Wirtschaft weist seit Jahren darauf hin, dass wirtschaftliche Bildung kein Luxus ist, sondern Überlebensnotwendigkeit und wirtschaftliches Denken keine Disziplin für Eliten. Wer Verantwortung übernehmen will – im Beruf, in der Familie oder in der Gesellschaft – muss verstehen, wie Unternehmen funktionieren, wie Märkte arbeiten, wie Steuern verteilt werden und wie Arbeitsplätze entstehen.

Wirtschaft betrifft uns alle – ob beim Einkaufen, bei der Wahlentscheidung oder bei der Frage, ob wir uns als Gesellschaft Investitionen in Bildung, Pflege oder Infrastruktur leisten können. Gerade deshalb ist es höchste Zeit, Wirtschaft als eigenständiges Fach in den Schulunterricht zu integrieren. Nicht als Randnotiz im Geographieunterricht, sondern als ernstzunehmendes, verpflichtendes Schulfach mit zwei Wochenstunden ab der fünften Schulstufe. Dafür braucht es speziell ausgebildete Lehrkräfte, die nicht in Ideologie geschult wurden, sondern in Ökonomie und Didaktik. Es braucht Schulbücher, die erklären statt agitieren. Und es braucht einen Lehrplan, der auf Verständlichkeit und Fakten setzt – nicht auf politische Schlagseiten.

Alte Narrative dominieren

Heute jedoch dominieren in vielen Schulmaterialien die Narrative der 1970er Jahre. Unternehmen erscheinen als rücksichtslose Profitmaschinen, Arbeiter als entrechtete Opfer. Globalisierung wird als Bedrohung inszeniert, nicht als Chance. Selbst fiktive Planspiele, etwa von Sozialpartnern oder NGOs, folgen oft diesem einseitigen Drehbuch. Dass der Kapitalismus und die Marktwirtschaft mehr Menschen aus der Armut befreit hat als jedes andere System in der Geschichte und dabei die notwendige Innovation zur Lösung von Klima- und Umweltproblemen liefert, wird ausgeblendet. Dass der Sozialismus, der in vielen Schulbüchern auffallend wohlwollend behandelt wird, in Wirklichkeit Millionen Menschen in Abhängigkeit und Not gestürzt und zudem die Umwelt rücksichtslos in Mitleidenschaft gezogen hat, bleibt meist unerwähnt.

Diese selektive Darstellung ist kein Zufall. Es braucht Lehrkräfte, die Wirtschaft erklären – nicht verteufeln. Es braucht Schulbücher, die Wissen vermitteln und keine ideologischen Schlagworte. Und es braucht eine Bildungspolitik, die auf Befähigung statt auf Bevormundung setzt.

Ein Appell für echte wirtschaftliche Bildung

Der Senat der Wirtschaft fordert ein neues Bildungsverständnis. Weg von ideologischer Verzerrung, hin zu echter Verantwortung. Junge Menschen müssen die Fähigkeit entwickeln, wirtschaftlich zu denken, zu handeln und die Mechanismen unserer Volkswirtschaft zu verstehen. Denn nur wer versteht, kann mitgestalten. Nur wer weiß, wie Wohlstand entsteht, kann ihn sichern. Und nur wer kritisch denken kann, ist gegen Populismus und Vereinfachung gewappnet.

Wer jungen Menschen nicht erklärt, wie Wohlstand entsteht, darf sich nicht wundern, wenn sie glauben, er sei unerschöpflich.

Es ist höchste Zeit, das ökonomische Alphabet wieder zu lehren – nicht, weil Wirtschaft alles ist, sondern weil ohne sie alles andere nichts ist.

Rückfragehinweis:

SENAT DER WIRTSCHAFT
Mahdi Allagha
Mitglied der Geschäftsleitung
presse@senat.at
0664-887 333 11