Märchenland Energiewende: Wie Österreich sich selbst vom Netz nimmt
Ein Gastkommentar von Hans Harrer, Vorstandsvorsitzender SENAT DER WIRTSCHAFT Österreich
In Österreich wird gern erzählt, die Energiewende sei ein Erfolg – sauberer Strom, grüne Jobs, leuchtende Zukunft. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Dieses Märchen endet nicht mit „und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“. Es endet mit explodierenden Strompreisen, abwandernden Betrieben und einem Wirtschaftsstandort, der sich selbst den Stecker zieht.
Unsere Strompreise zählen zu den höchsten Europas – für Haushalte wie Unternehmen. Und Europas Strompreise sind wiederum doppelt so hoch wie jene in China oder den USA. Diese Relationen sind kein Zufall, sondern das Ergebnis einer planwirtschaftlich überladenen Energiewende, die sich immer weiter von der Realität des Marktes entfernt. Während andere Länder Energiepolitik als Standortpolitik begreifen, wird sie hierzulande zum ideologischen Selbstzweck.
Österreichs Energie als Standortfalle
Energiepreise sind heute einer der größten Wettbewerbsnachteile Österreichs. Zusammen mit überbordender Regulierung, hohen Steuern, steigenden Lohnnebenkosten und fehlendem Kapitalmarkt ergibt das eine gefährliche Mischung. Die Folge ist eine beschleunigte Deindustrialisierung: Unternehmen verlagern Investitionen ins Ausland, die talentierteste Jugend wandert aus. Zurück bleiben leere Werkshallen und politische Sonntagsreden über Nachhaltigkeit.
Dabei wäre Österreich prädestiniert für leistbare, sichere und saubere Energie. Seit Jahrzehnten decken wir den Großteil unseres Stroms aus grundlastfähiger Wasserkraft – dem günstigsten Energieträger überhaupt. Trotzdem zahlen wir Rekordpreise. Warum? Weil Überförderung, Überregulierung und Planwirtschaft unsere Stärken neutralisieren.
Ausbau ohne Plan – und ein Netz im Stillstand
Der Ausbau von Wind- und Photovoltaikanlagen wurde überhastet und ohne Rücksicht auf Netz- und Speicherkapazitäten betrieben. Während Beton für neue Windparks gegossen wurde, blieb der Netzausbau im Genehmigungsdschungel stecken. Projekte verzögern sich durch Verfahren, Einsprüche und Aktivismus. Gleichzeitig blockieren Ideologie und Tabus den Ausbau von Wasserkraft und die Nutzung eigener Gasreserven. Das Resultat ist ein fragiles Stromsystem, das teuer stabilisiert werden muss. Die Kosten für Netzregelung, Lastenausgleich und Importstrom explodieren – und landen auf der Rechnung von Konsumenten und Betrieben.
Netzentgelte als Innovationsbremse
Dazu kommt: Österreichische Stromerzeuger zahlen laut ACER die zweithöchsten Netzentgelte in der EU. Während Produzenten in Deutschland oder der Schweiz für die Einspeisung nichts bezahlen, trägt der heimische Erzeuger fast alles – von Netzverlusten über Frequenzhaltung bis zu Anschlussgebühren. Laut EEÖ machen Netzentgelte bei Windkraft-, Photovoltaik- und Wasserkraftanlagen bis zu fünf Prozent der Strompreiserlöse aus, bei Gaskraftwerken liegen die Produktionskosten dadurch fünf Prozent über jenen in Deutschland. Speicherbetreiber verlieren bis zu ein Drittel ihrer möglichen Margen, weil sie doppelt zahlen – beim Bezug und bei der Wiedereinspeisung. Ein Windpark mit 45 Megawatt Leistung überweist in seiner Laufzeit 13,2 Millionen Euro an Netzentgelten, die Photovoltaikbranche hat allein in sechs Jahren über 200 Millionen Euro beigetragen. So vernichtet man Wirtschaftlichkeit und Innovationskraft – und wundert sich über fehlende Investitionen.
Mit der geplanten ElWG-Novelle droht nun das nächste Eigentor: zusätzliche Einspeiseentgelte. Fast ein Drittel des österreichischen Stroms wird grenzüberschreitend gehandelt – jeder neue Kostenfaktor verteuert den Handel, schwächt den Standort und fördert Importe. Investitionen wandern dorthin, wo sich Energieproduktion lohnt – also über die Grenze. Anstatt Planungssicherheit zu schaffen, wird das System komplizierter; anstatt Innovation zu fördern, werden neue Barrieren errichtet. Ein Gesetz, das die Energiewende stützen sollte, wird so zum Bumerang.
Energiewende braucht Realität statt Ideologie
Energiepolitik darf keine Bühne für Moralinszenierungen sein, sondern muss auf Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Effizienz zielen. Der Senat der Wirtschaft fordert daher eine marktwirtschaftlich ausgerichtete Energiewende: Schluss mit Denkverboten – auch Atomkraft, eigene Gasreserven oder realistische Klimaziele müssen diskutierbar sein. Klare Zuständigkeiten, transparente Förderstrukturen und stabile Rahmenbedingungen sind ebenso nötig wie der Fokus auf Netzausbau und Speichertechnologien zu marktkonformen Bedingungen statt auf Subventionsexzesse.
Der Weg zu einer erfolgreichen Energiewende führt nicht über neue Abgaben, sondern über Wettbewerb, Innovation und unternehmerische Verantwortung. Seit der industriellen Revolution war der Zugang zu günstiger Energie der Schlüssel zu Fortschritt und Wohlstand. Es sind Unternehmen, die mit marktwirtschaftlichen Anreizen Innovationen vorantreiben, Effizienz steigern und neue Technologien entwickeln – nicht Aktivisten, Behörden oder Ministerien.
Österreich könnte Vorreiter sein – wenn man es ließe
Österreich kann Energievorreiter sein. Wir haben Wasserkraft, Know-how, Technologie und Unternehmertum. Doch all das wird durch Bürokratie, Überregulierung und politische Doppelmoral ausgebremst. Wer die Energiewende wirklich will, muss sie dem Markt anvertrauen – nicht der Ideologie.
Denn eines ist sicher: Im Märchenland Energiewende leben nur jene glücklich, die ihre Stromrechnung nicht selbst bezahlen müssen.


