Europa – Selbstzerstörung oder Selbstbestimmung? Was nun?
Rezession, Handelskonflikte, Firmenpleiten, steigende Arbeitslosigkeit und wachsende Staatsschulden: Europa steht wirtschaftlich und geopolitisch unter Druck. Doch wie ernst ist die Lage tatsächlich? Und vor allem: Wie findet Europa zurück zu wirtschaftlicher Stärke, Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmung?
Dieser Frage widmete sich ein pointierter und kontroverser Austausch bei der Podiumsdiskussion am 17. September 2026, zu der Dr. Gudula Walterskirchen, Herausgeberin des Magazins Libratus, gemeinsam mit dem SENAT DER WIRTSCHAFT eingeladen hatte.
Mit Univ.-Prof. Ilona Švihlíková, Ökonomin aus Tschechien, Dr. Ewald Nowotny, Finanzwissenschaftler, ehemaliger Gouverneur der Österreichischen Nationalbank und ehemaliger Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank, sowie Hans Harrer, Vorstandsvorsitzender des SENAT DER WIRTSCHAFT und internationaler Unternehmer, trafen drei unterschiedliche Perspektiven auf Europas gegenwärtige Lage und Zukunft aufeinander.
„Eine schlechte Nachricht jagt die andere“, eröffnete Dr. Gudula Walterskirchen den Abend. Noch 2019 sei in Österreich über ein Nulldefizit gesprochen worden, heute befindet sich das Land in einem EU-Defizitverfahren. Gleichzeitig stehe Europas Wirtschaft im Spannungsfeld zwischen den USA und China und müsse sich mit eigenen strukturellen Problemen auseinandersetzen. Wie konnte es so weit kommen – und vor allem: Wie kommt Europa wieder heraus?
Nowotny: Sorge um die Finanzmarktstabilität
Ewald Nowotny richtete den Blick auf ein Risiko, das in der öffentlichen Debatte häufig weniger Aufmerksamkeit erhalte: die Stabilität der internationalen Finanzmärkte. „Ich bin besorgt bezüglich der Finanzmarktstabilität. Die Märkte allein schaffen das nicht“, warnte der ehemalige Nationalbank-Gouverneur.
Als Lehre aus vergangenen Finanzkrisen verwies Nowotny auf die Bedeutung wirksamer Regulierung. Die Deregulierung des Bankensektors und übermäßige Kreditvergaben hätten wesentlich zur Finanzkrise beigetragen und eine neuerliche Regulierung notwendig gemacht. Heute habe sich die Situation verändert: Notenbanken, die über Jahre in großem Stil Anleihen gekauft und damit die Märkte gestützt hätten, zögen sich wieder zurück und reduzierten ihre Bilanzsummen. Gleichzeitig gewännen private Akteure wie Hedgefonds und andere Investoren an Bedeutung.
Hinzu komme ein weiteres Risiko: Neben der staatlichen Verschuldung wachse auch die Verschuldung des privaten Sektors. Als Beispiel nannte Nowotny die enormen Investitionen großer US-Technologiekonzerne in Künstliche Intelligenz und Rechenzentren, die in erheblichem Umfang über Fremdkapital finanziert würden. Für Nowotny ist deshalb klar: Risiken dieser Größenordnung lassen sich nicht auf einzelstaatlicher Ebene allein bewältigen. Finanzmarktstabilität brauche gemeinsame Regeln und gemeinsames Handeln.
Die EU-Spitze hat „Bezug zur Realität verloren“
Wesentlich schärfer fiel die Analyse von Ilona Švihlíková aus. Europa werde aus ihrer Sicht von einer gefährlichen Politik geleitet, deren Probleme bereits an der Spitze der Europäischen Union begännen. Ihre Kritik richtete sich insbesondere gegen eine politische und bürokratische Führung, die zunehmend den Bezug zur Lebens- und Wirtschaftsrealität verliere. Entscheidungsträger lebten, so Švihlíková, „in ihrer Bürokratie, in einer anderen Welt“.
Kritisch äußerte sie sich auch zum Umgang Europas mit geopolitischen Konflikten. Eine Politik zunehmender Konfrontation sei aus ihrer Sicht kein vernünftiger Weg für die europäische Wirtschaft. Švihlíková plädierte für mehr Diplomatie und dafür, stärker an den Ursachen von Konflikten anzusetzen, anstatt lediglich deren Symptome zu bekämpfen.
Totalversagen der EU
Noch grundsätzlicher setzte Hans Harrer bei seiner Kritik an. Er sprach mit Blick auf die Entwicklung der Europäischen Union von einem politischen „Totalversagen“ und erinnerte an die ursprüngliche Idee der europäischen Einigung: „Der Geist von Europa, der uns damals motiviert hat, in diese Friedensgemeinschaft hineinzugehen, wo die Grenzen abgeschafft werden, von diesem ist nichts mehr da.“
Für Harrer sei das europäische System an einem entscheidenden Punkt gekippt. An die Stelle von Eigenverantwortung und Selbstbestimmung sei ein „Bürokratiewahn“ getreten. Dahinter stehe für ihn ein grundlegendes Problem: mangelndes Vertrauen in Menschen und Unternehmen. „Und der entsteht, wenn ich dem Volk nicht mehr vertraue.“
Gerade Vertrauen sei jedoch das Fundament einer freien Gesellschaft – und ebenso Voraussetzung für einen funktionierenden Kapitalmarkt. In Österreich fehle es daran in besonderem Maße. Die Folgen spüre vor allem die mittelständische Wirtschaft, wenn immer mehr Vorgaben von oben nach unten gemacht würden und der Spielraum für unternehmerische Eigenverantwortung schrumpfe. Dass regulatorische Komplexität insbesondere für kleinere und mittlere Unternehmen eine Belastung darstellen kann, räumt auch die Europäische Kommission ein. Sie hat deshalb Maßnahmen angekündigt, um Regeln zu vereinfachen und bürokratische Hürden im Binnenmarkt abzubauen.
Nowotny: Probleme ja – Untergangsstimmung nein
Bei aller Kritik warnte Ewald Nowotny jedoch davor, die Fakten und die vorhandenen Stärken Europas aus den Augen zu verlieren. Europa stehe zweifellos vor ernst zu nehmenden Problemen. Diese seien jedoch nicht so massiv, dass sie eine Untergangsstimmung oder die Suche nach Schuldigen rechtfertigten. Die Herausforderungen seien lösbar – wenn sie sachlich analysiert und mit den richtigen Maßnahmen angegangen würden.
Eine der größten Stärken Europas sei nach wie vor sein gemeinsamer Markt. Er umfasst rund 450 Millionen Menschen und 26 Millionen Unternehmen bei einem BIP von rund 18 Billionen Euro. Eine Zersplitterung Europas wäre für Nowotny daher keine Lösung. Sie würde die einzelnen Staaten schwächen und könnte politische Machtlosigkeit und erhebliche Wohlstandsverluste nach sich ziehen.
Zugleich erinnerte Nowotny daran, dass Zielkonflikte zu einer Demokratie gehören. Entscheidend sei nicht, ob es sie gebe, sondern wie sie gelöst würden. Von einem starken und funktionierenden Staat müsse man vor allem Sicherheit nach innen und außen, Autonomie im Energiebereich sowie ein leistungsfähiges Erziehungs- und Bildungssystem erwarten können, das Menschen Perspektiven für die Zukunft eröffnet.
So unterschiedlich die Analysen von Švihlíková, Nowotny und Harrer ausfielen, machten sie eines deutlich: Europa steht vor Entscheidungen, die weit über einzelne wirtschaftspolitische Maßnahmen hinausreichen.
Denn die entscheidende Frage ist nicht nur, welche Probleme Europa hat – sondern ob es seine wirtschaftliche Stärke, seinen gemeinsamen Markt und seine politische Handlungsfähigkeit nutzt, um sie zu lösen.
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Fotocredit: © Stefan Aschauer











