Pfeifen wir aufs Klima – oder übernehmen wir Verantwortung?
Nachhaltigkeit als Wirtschaftsfaktor: Wirkung statt Greenwashing
Nachhaltigkeit ist zum Dauerbegriff geworden – und hat gerade dadurch an Glaubwürdigkeit verloren. Zu viele Versprechen, zu viel Greenwashing, zu viel Bürokratie. Doch die entscheidenden Fragen bleiben: Wie gelingt es, ökologische Verantwortung mit wirtschaftlicher Vernunft zu verbinden? Welche Lösungen wirken tatsächlich? Und wie wird Nachhaltigkeit vom Kostenfaktor zum Innovations- und Wettbewerbsvorteil?
Diesen Fragen widmete sich die SENAT-Lounge „Pfeifen wir aufs Klima – oder übernehmen wir endlich Verantwortung?“ am 24. September im Klimahaus Bad Dachsberg in Prambachkirchen. Im Mittelpunkt standen keine abstrakten Zielsetzungen, sondern konkrete Ansätze aus Wirtschaft, Bau, Recht und Bildung.
Von der grünen Behauptung zur glaubwürdigen Kommunikation
Zum Auftakt beleuchtete Rechtsanwalt Dr. Georg Bruckmüller in seiner Keynote die rechtlichen Rahmenbedingungen für sogenannte Green Claims. Denn wer heute mit Nachhaltigkeit wirbt, muss genauer denn je darauf achten, welche Aussagen getroffen und wie diese belegt werden können. Für Unternehmen bedeutet das: Glaubwürdigkeit braucht Substanz und Nachhaltigkeitskommunikation muss nachvollziehbar und belastbar sein.
Meteorologe und Moderator Andreas Jäger rückte in seiner Keynote anschließend die tatsächliche Wirkung in den Mittelpunkt. Unter dem Titel „Von der Floskel zur Reduktion des CO₂-Fußabdrucks“ machte er deutlich, dass Nachhaltigkeit längst kein „Nice-to-have“ mehr ist. Entscheidend sei, bei jedem Einzelnen zu beginnen, resilienter zu werden und jene Hebel zu nutzen, die bereits vorhanden sind.
Besonderes Augenmerk legte Jäger auf den Gebäudesektor: Rund 38 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen hängen laut seinen Ausführungen mit dem Bau und Betrieb von Gebäuden zusammen. Viele Lösungen seien bereits vorhanden oder in Entwicklung – nun gehe es darum, sie zuzulassen und konsequent umzusetzen.
Die zentrale Botschaft: Nicht das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit zählt, sondern das, was tatsächlich eingespart, verändert und verbessert wird.
Nachhaltigkeit muss sich in der Praxis beweisen
Wie dieser Anspruch in der unternehmerischen Realität umgesetzt werden kann, diskutierten Senator Ing. Bernhard Pointinger, Geschäftsführer der Pointinger Bau GmbH, Mag. Doris Amersberger BA, Leiterin des Klimahauses, Dr. Georg Emprechtinger, Geschäftsführer von TEAM 7, und Dr. Georg Bruckmüller, Rechtsanwalt in der von Andreas Jäger moderierten Podiumsdiskussion „Wirkung statt Greenwashing – wie Nachhaltigkeit zum Innovations-, Standort- und Wirtschaftsfaktor wird“.
Dass der Begriff Nachhaltigkeit inzwischen mit Skepsis betrachtet wird, war dabei selbst Thema. Greenwashing hat Vertrauen gekostet und jene Unternehmen unter Druck gesetzt, die seit Jahren tatsächlich nachhaltig wirtschaften. Georg Emprechtinger verwies darauf, dass dadurch sehr unterschiedliche Unternehmen und Ansätze oftmals „in einen Topf“ geworfen würden.
Auch Bernhard Pointinger plädierte dafür, wieder stärker auf die tatsächliche Wirkung zu schauen: Ein Zertifikat allein macht ein Produkt noch nicht nachhaltig. Entscheidend sind konkrete Umsetzung, Qualität und langfristige Nutzung.
Gerade die Bauwirtschaft bietet dafür enorme Hebel. Nachhaltiges Bauen müsse von Beginn an ganzheitlich gedacht werden – von Materialien und Transportwegen über Energieverbrauch und Lebenszykluskosten bis hin zur Kreislauffähigkeit von Gebäuden. Wer ausschließlich auf die Errichtungskosten bis zur Schlüsselübergabe blickt, greift zu kurz. Mehrkosten können sich über acht oder zehn Jahre relativieren; entscheidend ist deshalb, bereits in der Planung den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes mitzudenken.
Für Bernhard Pointinger sollte nachhaltiges Bauen deshalb langfristig so selbstverständlich werden wie die Statik eines Gebäudes: „Es darf kein Zusatz sein, sondern muss zum Standard werden. Wir tragen heute Verantwortung dafür, welche Gebäude wir kommenden Generationen hinterlassen.“
Langlebigkeit statt Wegwerfdenken
Wie konsequent Nachhaltigkeit Teil eines Geschäftsmodells sein kann, zeigte Georg Emprechtinger am Beispiel von TEAM 7. Bereits 1980 sei vieles von dem mitgedacht worden, was heute unter Nachhaltigkeit diskutiert wird. Holz als nachwachsender Rohstoff, Langlebigkeit, Reparierbarkeit und eine möglichst natürliche Verarbeitung bilden zentrale Prinzipien.
Der Anspruch: Möbel sollen mindestens so lange halten, bis der dafür verwendete Baum wieder nachgewachsen ist. Auf Lack wird verzichtet, das Holz wird formaldehydfrei verleimt und mit Naturöl behandelt. Gleichzeitig sollen Produkte so gestaltet sein, dass sie repariert werden können und zu den „Klassikern von morgen“ werden.
Die Herausforderung besteht darin, diesen Anspruch über Jahrzehnte auch wirtschaftlich durchzuhalten. TEAM 7 produziert bis heute in Österreich und verbindet laut Emprechtinger höchste Qualität mit sozialer, ökologischer und letztlich auch wirtschaftlicher Verantwortung.
Kritisch diskutiert wurde in diesem Zusammenhang die zunehmende Regulierung. Wenn Unternehmen immer mehr Zeit dafür aufwenden müssen, Vorgaben und Berichtspflichten zu erfüllen, ohne dass dadurch Produkte besser oder für Kunden wertvoller werden, droht das eigentliche Ziel aus dem Blick zu geraten.
Dr. Georg Bruckmüller sprach sich deshalb dafür aus, Vorzeigeunternehmen mit praktischer Erfahrung stärker in Gesetzgebungsprozesse einzubeziehen. Pointiert formulierte er: „Wir brauchen keine Gesetze von Bürokraten für Bürokraten.“ Europaweit einheitliche Standards seien notwendig, müssten aber praktikabel sein und dürften nicht gerade jene Unternehmen zusätzlich belasten, die bereits verantwortungsvoll handeln. Ökologie könne nur gemeinsam gelingen – Regulierung müsse nachhaltige Lösungen ermöglichen, statt sie durch zusätzliche Bürokratie zu erschweren.
Das Klimahaus als gelebtes Beispiel
Dass Nachhaltigkeit nicht nur diskutiert, sondern unmittelbar erlebbar gemacht werden kann, zeigte bereits der Veranstaltungsort selbst. Bernhard Pointinger gab Einblicke in das Konzept des Klimahauses Bad Dachsberg. Ein Teich dient als Energiequelle für das Gebäude: Über Kollektoren wird das rund 14 Grad warme Wasser zum Heizen und Kühlen genutzt. Holz spielt als Baustoff eine zentrale Rolle, zugleich wurde das Haus bewusst vielseitig konzipiert – mit Seminarräumen und einem Beherbergungsbereich. Der Mehrwert geht jedoch über Energieeffizienz hinaus. Das Klimahaus soll Bewusstsein für die nächste Generation schaffen und Nachhaltigkeit erfahrbar machen.
Vom Preis wieder zum Wert
Ein weiterer zentraler Aspekt des Abends war die Frage der Wirtschaftlichkeit. Nachhaltigkeit nur anhand des kurzfristigen Preises zu beurteilen, greift zu kurz – beim Gebäude ebenso wie beim Möbelstück. Wer günstig kauft, ein Produkt nach wenigen Jahren ersetzt und das alte entsorgt, zahlt langfristig womöglich mehr als für ein hochwertiges und reparierbares Produkt. Die Diskussion plädierte deshalb für einen differenzierteren Blick: Woher kommt ein Produkt? Was steckt darin? Wie lange kann es genutzt werden? Unter welchen Bedingungen wurde es hergestellt – und welchen tatsächlichen Wert bietet es über seine gesamte Lebensdauer?
Bildung als Schlüssel zur Veränderung
Damit dieses Denken selbstverständlich wird, braucht es Bildung. Doris Amersberger betonte, dass Nachhaltigkeit stärker, kompakter und praxisnäher in der Bildung verankert werden müsse. Für sie umfasst der Begriff Klima dabei mehr als das Erdklima: Auch das soziale, gesellschaftliche und politische Klima gehört zu einer umfassenden Auseinandersetzung mit Verantwortung und Zukunft. Verantwortung endet dabei nicht im Klassenzimmer. Gerade Erwachsene seien gefordert, das vorzuleben, was sie von der nächsten Generation erwarten. Denn Veränderung beginnt nicht erst mit großen politischen Entscheidungen, sondern auch mit vielen kleinen, konsequenten Schritten.
Georg Emprechtinger ergänzte, dass es dabei nicht nur um theoretisches Wissen gehe: Lernen sollte wieder stärker alle fünf Sinne ansprechen und Zusammenhänge erlebbar machen.
Auf die abschließende Frage, was sich ändern müsse, damit Nachhaltigkeit tatsächlich vorankommt, kamen aus dem Podium unterschiedliche, aber eng miteinander verbundene Antworten: Bernhard Pointinger forderte, Nachhaltigkeit selbstverständlicher zu machen und ihre langfristige Wirtschaftlichkeit besser sichtbar zu machen. Doris Amersberger plädierte für eine stärkere Verankerung in der Bildung. Georg Emprechtinger sprach sich dafür aus, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen. Und Georg Bruckmüller verwies auf notwendige Veränderungen in Bau- und Gewerbeordnung sowie auf Infrastrukturkonzepte, die neue Lösungen ermöglichen und gleichzeitig sorgsam mit Flächen umgehen.
Wie anspruchsvoll der Weg von der technischen Möglichkeit zur praktischen Umsetzung sein kann, zeigte auch eine Wortmeldung aus dem Publikum zum Einsatz vollelektrischer LKW. Neue Antriebstechnologien allein reichen nicht: Ladeinfrastruktur, Reichweiten, Logistik und Disposition müssen neu gedacht und aufeinander abgestimmt werden. Vor allem aber braucht es die Zusammenarbeit mit den Kunden und deren Bereitschaft, Veränderungen mitzutragen. Gerade dieses Beispiel unterstrich, worauf es in der Praxis ankommt: Nachhaltige Lösungen brauchen das Zusammenspiel von Innovation, Infrastruktur und wirtschaftlicher Umsetzbarkeit.
Auszeichnung zum Abschluss
Einen feierlichen Schlusspunkt setzte die Verleihung der Berufungsurkunden: Ulrike Steinmaßl, Regionaldirektorin Oberösterreich und Mahdi Allagha, Mitglied der Geschäftsleitung des SENAT DER WIRTSCHAFT, würdigten Dr. Georg Bruckmüller und Mag. Roland Hechenberger, Vorstand der Raiffeisenbank Wels und hießen die beiden als neue Senatoren im SENAT DER WIRTSCHAFT herzlich willkommen.
Nicht mehr Nachhaltigkeit versprechen. Mehr Wirkung schaffen.
Als zentrales Fazit des Abends blieb die Erkenntnis, dass es längst nicht mehr darum geht, ob Verantwortung übernommen wird, sondern wie daraus konkrete Wirkung und wirtschaftlicher Mehrwert entstehen. Dafür braucht es Innovation und unternehmerischen Mut, langfristiges Denken, Bildung und praxistaugliche Rahmenbedingungen. Und es braucht Unternehmen und Menschen, die zeigen, dass ökologische Verantwortung und wirtschaftlicher Erfolg keine Gegensätze sein müssen. Denn Nachhaltigkeit wird dann zum echten Wirtschaftsfaktor, wenn aus guten Absichten konkrete Lösungen werden.
Fotos zur Veranstaltung finden Sie hier
Fotocredit: © Oberösterreicherin/Wolfram Heidenberger















