Philosophischer Salon bei Lobmeyr
Ein neuer Denk- und Dialograum im traditionsreichen Ambiente
Mit dem Philosophischen Salon hat die Allianz für Ethik in der Wirtschaft des SENAT DER WIRTSCHAFT am 28. Jänner einen neuen Denk- und Dialograum eröffnet, der bewusst Tradition und Gegenwart miteinander verbindet. In den historischen Verkaufsräumen des Wiener Traditionsunternehmens Lobmeyr, einem Ort mit jahrhundertealter Handwerks- und Kulturgeschichte, versammelten sich rund 50 geladene Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu einem intensiven Abend des Austauschs. Gastgeber Senator Johannes Rath, Ururenkel des Firmengründers und Geschäftsführer von Lobmeyr, begrüßte die Teilnehmenden und unterstrich die Bedeutung des Ortes als Raum für geistige Offenheit und verantwortungsvolle Debatten.
Von der Handwerkskunst zur gesellschaftlichen Grundsatzfrage
Nach einer exklusiven Führung durch die Lobmeyr-Manufaktur, die den Teilnehmenden einen Einblick in das kunsthandwerkliche Erbe des Hauses bot, folgte die Diskussion zum Thema „Haltung oder Haftung“ – ein Spannungsfeld zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik und die Frage, wie politische und wirtschaftliche Entscheidungen heute getroffen werden können, ohne sich entweder in moralischer Symbolpolitik oder in reinem Pragmatismus zu verlieren. Die Diskussion erfolgte unter Einhaltung der Chatham House Rules.
Gesprächspartner des Abends
Als Gesprächspartner fungierten Finanzminister a. D. und CEO des MARE TechnoPark, Mag. Gernot Blümel und Prof. Martin Rhonheimer, Gründungspräsident des Austria Institute of Economics and Social Philosophy.
Mag. Gernot Blümel: Verlorenes Gleichgewicht und schwindendes Vertrauen
Mag. Blümel verwies auf die wachsende Polarisierung liberaler Rechtsstaaten als Folge einer grundlegenden Disbalance gesellschaftlicher Handlungsmaximen. Solange die liberale Ethik individueller Freiheit und die Ethik des gesellschaftlichen Zusammenhalts im Einklang standen, seien Gesellschaften stabil und die Menschen vergleichsweise zufrieden gewesen. Heute jedoch sei dieses Gleichgewicht verloren gegangen und das Grundvertrauen in Schieflage geraten.
Als erste Ursache nannte Blümel die starke Migration aus kulturfremden Regionen, welche das gemeinsame normative Fundament liberaler Gesellschaften herausfordere. Unter Verweis auf Robert Putnam zeigte er, dass in stark pluralen Regionen das soziale Vertrauen abnehme – nicht nur zwischen Gruppen, sondern auch innerhalb dieser. Der von Putnam beschriebene „Hunkering-down-Effekt“ stehe für einen Rückzug ins Private und einen Verlust an Sozialkapital, wodurch die Gesellschaft Vertrauen in sich selbst verliere.
Zweitens verwies Blümel auf eine überbordende Regulierung, deren kumulative Wirkung liberale Staaten zunehmend handlungsunfähig mache. Es entstehe das Bild eines Staates, der im Kleinen übermächtig, im Großen jedoch ohnmächtig erscheine – mit entsprechendem Vertrauensverlust in staatliche Institutionen und Prozesse.
Drittens kritisierte Blümel die Breiteneffekte postmodernen Denkens in der veröffentlichten Meinung, in der traditionelle Werte wie Familie oder Leistungsprinzip delegitimiert würden. Auch hier gehe Vertrauen in die eigene Gesellschaft verloren. In der Summe, so Blümels Fazit, sei die gegenwärtige Polarisierung Ausdruck eines verlorenen Gleichgewichts zwischen Freiheit und Gemeinsinn.
Prof. Dr. Martin Rhonheimer: Moralismus, Umverteilung und „Feigheitspopulismus“
Prof. Martin Rhonheimer argumentierte „Die Soziale Marktwirtschaft ist nicht an zu viel Markt gescheitert, sondern an seiner systematischen Zurückdrängung. An die Stelle wettbewerblicher Prozesse trat zunehmend eine moralisch aufgeladene Vorstellung von ‚gerechter‘ Verteilung. Was als ordnungspolitischer Rahmen gedacht war, wurde zum Fass ohne Boden staatlicher Umverteilung. So entwickelte sich der Sozialstaat schrittweise von einem Instrument des Ausgleichs zu einem System der Absicherung aller Lebensrisiken – bis hin zur Subventionierung von Nicht-Arbeit. Diese Entwicklung widerspricht den ursprünglichen Ideen Ludwig Erhards und hat das Vertrauen in die Wirtschaftsordnung nachhaltig untergraben.“
Diese Fehlentwicklung führt Rhonheimer maßgeblich auf die Angst bürgerlicher Politik zurück, unpopuläre Entscheidungen zu treffen und Wählerstimmen zu verlieren. In der Missachtung des Subsidiaritätsprinzips habe sich eine politische Haltung etabliert, die nahezu alle gesellschaftlichen Probleme staatlichen Lösungen überantwortet und damit das bürgerliche Ethos von Verantwortung und Eigenleistung unterminiert. Der Sozialstaat diene zunehmend partikularen Interessen und fördere eine Anspruchsmentalität, die Reformen erschwere und ordnungspolitische Klarheit verhindere. Statt Armut wirksam zu bekämpfen, werde Ungleichheit moralisiert, obwohl sie als Folge von Freiheit ökonomisch sinnvoll und wohlstandsfördernd sein könne.
Aus dieser Entwicklung heraus diagnostiziert Rhonheimer eine neue Spielart des Populismus, die nicht aus radikaler Zuspitzung, sondern aus politischer Mutlosigkeit entstehe: einen von ihm so bezeichneten „Feigheitspopulismus“. Dieser äußere sich darin, dass bürgerliche Parteien aus rein wahltaktischen Motiven Gesinnung über Verantwortung stellten, zentrale Probleme nicht mehr klar benannten und sich stattdessen auf symbolische Abgrenzungen und sogenannte Brandmauern beschränkten. Dadurch werde das politische Zentrum entleert und jenen Kräften Raum gegeben, die zwar einfache Antworten lieferten, aber keine tragfähigen Lösungen böten. Nötig wäre es daher, die Selbst-Verbarrikadierung in einer vermeintlich höheren, demokratischeren und sozialeren Gesinnung zu überwinden, den ökonomischen und demographischen Tatsachen offen ins Auge zu blicken und den Mut zu einer wirklich bürgerlichen Politik zurückzugewinnen – auch wenn diese schmerzhafte Reformen erfordert. Kurzfristige Verluste an Zustimmung seien dabei möglich, langfristig aber könne nur Glaubwürdigkeit die Grundlage für erneuerten politischen Erfolg sein.
Ausklang und Ausblick
Der anschließende Ausklang bei Speis und Weinbegleitung von Winzer Willi Opitz sowie musikalischer Begleitung durch Pianist Boris Rapl bot Raum für vertiefende Gespräche und persönliche Vernetzung. Der Philosophische Salon bei Lobmeyr erwies sich damit nicht nur als gelungene Einzelveranstaltung, sondern als vielversprechender Auftakt einer neuen Reihe – eines Formats, das zeigt, wie sehr es Orte braucht, an denen Haltung und Haftung nicht als Gegensatz, sondern als gemeinsame Grundlage verantwortungsvollen Handelns verstanden werden.
Fotos zur Veranstaltungen finden Sie hier
Fotocredit: „LOBMEYR/David Cuka“











