Land der Berge. Land am Strome. Land der vertagten Zukunft?
Wie sichern wir Österreichs Wohlstand von morgen? Wie bringen wir privates Kapital in produktive Investitionen, machen unsere Altersvorsorge zukunftsfähig und ermöglichen erfolgreiche Unternehmensnachfolgen?
Beim BOOM-Talk des SENAT DER WIRTSCHAFT am 14. Oktober 2026 diskutierten Matthias Strolz, Heike Lehner und Roman Zauner über die wirtschaftlichen Herausforderungen Österreichs – und darüber, warum es jetzt Mut zu Veränderung und Reformen braucht.
Österreich verfügt über beträchtliches privates Vermögen und international erfolgreiche Unternehmen. Laut Allianz Global Wealth Report belief sich das Bruttogeldvermögen der österreichischen Haushalte Ende 2025 auf rund 969 Milliarden Euro. Gut ein Drittel davon liegt auf Konten und Sparbüchern. Gleichzeitig benötigen Unternehmen Kapital für Wachstum und Innovation, während steigende Standortkosten, Fachkräftemangel und demografische Veränderungen die Wettbewerbsfähigkeit zunehmend unter Druck setzen.
Wie Österreich seine wirtschaftlichen Stärken besser nutzen und den Wohlstand für kommende Generationen sichern kann, stand im Mittelpunkt der Präsentation der aktuellen Ausgabe von BOOM – Wirtschaft für Menschen im Sedus Showroom in Wien. Gastgeber war Peter Sablatnig, Geschäftsführer von Sedus Österreich & CEE, gemeinsam mit dem SENAT DER WIRTSCHAFT.
Unter dem Motto „Österreich – Land der Unternehmer?“ diskutierten Matthias Strolz, Unternehmer, Autor und NEOS-Gründer, Heike Lehner, Ökonomin und Generalsekretärin der Aktion Generationengerechtigkeit, sowie Senator Roman Zauner, Group Managing Director der Zauner Anlagentechnik. Durch den Abend führte der Wirtschaftsjournalist Dr. Wolfgang Unterhuber.
Mahdi Allagha, Mitglied der Geschäftsleitung des SENAT DER WIRTSCHAFT, stellte die Verantwortung gegenüber kommenden Generationen in den Mittelpunkt: „Die Zukunft hat keine Lobby und geht noch nicht wählen. Sie muss mit dem leben, was wir ihr hinterlassen.“ Daraus folge ein klarer Auftrag: „Dafür tragen wir heute Verantwortung: mit Investitionen, unternehmerischer Freiheit und dem Mut zur Reform.“
Wettbewerbsfähigkeit: Weniger Hürden, mehr Unternehmertum
Was braucht Österreich, damit Unternehmen investieren, wachsen und international erfolgreich bleiben können? Die Diskussion zeigte, dass es dabei nicht allein um Kosten, sondern ebenso um Fachkräfte, Produktivität, Innovationskraft und die Bereitschaft zu strukturellen Veränderungen geht.
Roman Zauner schilderte die Herausforderungen aus der unternehmerischen Praxis. Sein international tätiges Unternehmen verzeichnet starkes Wachstum, stößt jedoch bei der Suche nach qualifizierten Fachkräften zunehmend an Grenzen. Besonders bürokratische Hürden bei der Beschäftigung internationaler Mitarbeiter erschweren die Entwicklung. Gleichzeitig werde österreichisches Know-how im Ausland hochgeschätzt.
Am Beispiel großer Rechenzentrumsprojekte verdeutlichte Zauner zudem, wie unterschiedlich Investitionsvorhaben wahrgenommen werden. Während ein Projekt in Norwegen auf breite Anerkennung stieß, löste ein vergleichbares Vorhaben in Österreich erhebliche Proteste aus. Dabei zeigte er einen Widerspruch auf: Digitale Technologien und soziale Medien werden selbstverständlich genutzt, während gleichzeitig gegen jene Infrastruktur protestiert wird, die diese Anwendungen überhaupt erst ermöglicht. Umso wichtiger seien sachliche Aufklärung, Transparenz und eine frühzeitige Einbindung der Bevölkerung. Auch die Politik sei gefordert, den Nutzen und die Rahmenbedingungen solcher Investitionen verständlich zu vermitteln, anstatt Projekte für die eigene Profilierung zu nutzen.
Heike Lehner verwies auf die hohe Abgabenbelastung von Arbeit und die rückläufige Zahl geleisteter Arbeitsstunden. Sie stellte die grundsätzliche Frage, woher zusätzliches Wachstum kommen soll, wenn Produktivität und Arbeitsvolumen nicht entsprechend steigen. Aus ihrer Sicht brauche es ein stärkeres Bewusstsein für die wirtschaftlichen Herausforderungen und die Dringlichkeit notwendiger Reformen.
Matthias Strolz kritisierte fehlende strategische Weichenstellungen und eine ausufernde Verwaltung. Österreich sei aus seiner Sicht „strategisch untersteuert und operativ übersteuert“. Viele notwendige Reformen – vom Pensionssystem über die Abgabenbelastung bis hin zu Verwaltung und Föderalismus – seien seit Jahren bekannt, würden aber nicht konsequent umgesetzt. Anstatt von neunen Förderungen brauche es vor allem bessere strukturelle Rahmenbedingungen und mehr Eigenverantwortung.
Wirtschaftsbildung: Unternehmergeist beginnt nicht erst im Unternehmen
Ein weiterer Diskussionspunkt war die Frage, wie gut junge Menschen in Österreich auf wirtschaftliche Zusammenhänge und das Berufsleben vorbereitet werden.
Roman Zauner plädierte für mehr Praxisorientierung und eine stärkere Wertschätzung beruflicher Ausbildung. Besonders gute Erfahrungen mache sein Unternehmen mit jungen Mitarbeitern, die zunächst praktische Erfahrungen sammeln und sich anschließend gezielt weiterbilden oder ein Studium beginnen. Erst durch praktische Tätigkeiten, wüssten sie in welche Richtung sie sich entwickeln möchten. Zauner wünschte sich deshalb eine höhere gesellschaftliche Wertschätzung praktischer Berufe. Nicht jeder erfolgreiche Berufsweg müsse über ein Studium führen.
Matthias Strolz unterstrich die Bedeutung einer fundierten und lebensnahen Wirtschaftsbildung. Junge Menschen sollten früh verstehen, wie Unternehmen funktionieren, wie Wertschöpfung entsteht und welche Rolle wirtschaftliche Eigenverantwortung spielt. Besonders wertvoll sei der direkte Kontakt mit Unternehmern und Praktikern, die ihre Erfahrungen in Schulen weitergeben.
Dabei geht es auch darum, ein positives, wertebasiertes Verständnis von Wirtschaft stärker in der Gesellschaft zu verankern. Wirtschaft sei nicht nur die Grundlage unseres materiellen Wohlstands, sondern auch Ausdruck menschlicher Kreativität und Schöpferkraft. Gerade Familien- und Mittelstandsunternehmen, die langfristig denken und Verantwortung über Generationen hinweg übernehmen, könnten dafür wichtige Vorbilder sein.
Kapitalmarkt: Vermögen für die Zukunft mobilisieren
Ein Land kann reich an privatem Vermögen sein und dennoch zu wenig Kapital für seine wirtschaftliche Zukunft mobilisieren. Ein leistungsfähiger Kapitalmarkt kann dazu beitragen, Ersparnisse in langfristige Investitionen zu lenken, Unternehmen mit Eigenkapital auszustatten und Innovationen zu finanzieren.
Wie groß Österreichs Aufholbedarf insbesondere bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge ist, zeigt der internationale Vergleich: Ende 2024 entsprachen die Vermögenswerte österreichischer Pensionsvorsorgeeinrichtungen rund 7,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, gegenüber 95 Prozent im OECD-Durchschnitt und 206,4 Prozent in Dänemark.
Heike Lehner thematisierte den in Österreich verbreiteten Widerspruch zwischen dem Wunsch nach finanzieller Sicherheit und der Skepsis gegenüber Kapitalmarktinvestitionen. Einerseits werde der Kapitalmarkt häufig als Instrument für Vermögende betrachtet, andererseits würden Kapitalmarktinvestitionen breiter Bevölkerungsschichten vielfach mit Spekulation gleichgesetzt. Dieses Denken müsse überwunden werden, um langfristigen Vermögensaufbau und zusätzliche Altersvorsorge zu ermöglichen.
Ein positiver Trend zeige sich bereits bei jüngeren Generationen: Das Interesse an Wertpapieren, ETFs und Finanzthemen nehme zu. Mehr Finanzbildung, verständliche Informationen und ein verantwortungsvoller Umgang mit Risiken seien wesentliche Voraussetzungen, um dieses Potenzial zu nutzen.
Pensionsvorsorge: Die Rechnung nicht an die nächste Generation weiterreichen
Die demografische Entwicklung stellt Österreichs Pensionssystem vor wachsende Herausforderungen. In der Diskussion wurde auf den hohen Finanzierungsbedarf hingewiesen: Für 2024 wurde ein Bundeszuschuss zum Pensionssystem von rund 27 Milliarden Euro genannt. Gleichzeitig wurden 2025 in Österreich 76.067 Kinder geboren, die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau lag bei 1,30. Damit verschärft sich langfristig die Frage, wie ein überwiegend umlagefinanziertes System bei einem veränderten Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Pensionisten tragfähig bleiben kann.
Heike Lehner sieht zwei wesentliche Ansatzpunkte für eine Reform: eine Anhebung des tatsächlichen Pensionsantrittsalters und eine stärkere kapitalgedeckte Altersvorsorge. Ihre zentrale Botschaft: „Die staatliche Pension hat keinen besseren Verbündeten als den Kapitalmarkt.“
Internationale Beispiele wie Schweden, Dänemark und die Niederlande zeigten, dass umfassende Reformen möglich seien. Entscheidend sei jedoch, rechtzeitig das notwendige Problembewusstsein zu schaffen, anstatt erst unter dem Druck einer akuten Krise zu handeln.
Dabei geht es nicht darum, die staatliche Pension zu ersetzen, sondern sie mit einer Kapitalmarktdeckung zu verstärken und die betrieblichen und privaten Vorsorgemodelle auszubauen. Diese schaffen zusätzliche finanzielle Sicherheit im Alter und stellen langfristiges Kapital für wirtschaftliche Investitionen zur Verfügung.
Die zentrale Herausforderung bleibt die Generationengerechtigkeit: Reformen müssen heute angegangen werden, damit die finanziellen Belastungen nicht immer weiter in die Zukunft verschoben werden.
Unternehmensnachfolge: Verantwortung weitergeben, Zukunft sichern
Ein weiterer Schwerpunkt war die erfolgreiche Weitergabe bestehender Unternehmen. Besonders für Österreich mit seinen zahlreichen Familien- und Mittelstandsbetrieben ist die Unternehmensnachfolge eine zentrale wirtschaftliche Zukunftsfrage.
Roman Zauner, der die Zauner Anlagentechnik in zweiter Generation führt, unterstrich die Tragweite dieser Verantwortung: „Ein Unternehmen aufzubauen verlangt unternehmerischen Mut. Es erfolgreich weiterzugeben verlangt ebenso viel Verantwortung. Bei einer Nachfolge geht es nicht nur um Eigentum, sondern um Mitarbeiter, Kunden, Know-how und die Zukunft eines gewachsenen Betriebs.“
Auch Matthias Strolz betonte, dass die erfolgreiche Weitergabe bestehender Unternehmen ebenso zur Zukunftsgestaltung gehöre wie die Gründung neuer Betriebe. Entscheidend sei dabei auch die Bereitschaft, Verantwortung tatsächlich abzugeben und der nächsten Generation Raum für eigene Entscheidungen und neue Ideen zu eröffnen.
Denn eine gelungene Unternehmensnachfolge sichert nicht nur wirtschaftliche Substanz, sondern auch Arbeitsplätze, Erfahrung und regionale Wertschöpfung. Dafür braucht es rechtliche, steuerliche und finanzielle Rahmenbedingungen, die Betriebsübergaben erleichtern, sowie junge Menschen, die bereit sind, unternehmerische Verantwortung zu übernehmen.
Reformen umsetzen, statt Zukunft vertagen
Kapitalmarkt, Pensionsvorsorge, Wettbewerbsfähigkeit, Wirtschaftsbildung und Unternehmensnachfolge sind eng miteinander verbunden. Sie entscheiden gemeinsam darüber, ob Österreich wirtschaftlich handlungsfähig bleibt sowie seinen Wohlstand und sozialen Frieden langfristig sichern kann.
Wolfgang Unterhuber brachte diesen Zusammenhang auf den Punkt: „Wettbewerbsfähigkeit, Kapitalmarkt, Altersvorsorge und Unternehmensnachfolge werden häufig getrennt behandelt. In Wahrheit geht es immer um dieselbe Frage: Welche Voraussetzungen schaffen wir heute, damit Österreich auch morgen wirtschaftlich handlungsfähig bleibt?“
In der abschließenden Runde stellte Unterhuber den Diskutanten eine zugespitzte Frage: Was würden sie in Österreich abschaffen – und was stattdessen neu schaffen?
Heike Lehner sprach sich für ein grundlegend vereinfachtes Steuersystem aus. Anstelle zahlreicher Ausnahmen, Begünstigungen und Förderungen plädierte sie für eine breite Steuerbasis mit niedrigeren Steuersätzen und mehr Transparenz darüber, welche Bereiche aus welchen Gründen gefördert werden.
Roman Zauner forderte insbesondere eine Anhebung des Pensionsantrittsalters und weniger bürokratische Hürden für Unternehmen. Gerade der Mittelstand brauche mehr Freiraum, um sich weiterzuentwickeln, zu investieren und neue Chancen zu nutzen.
Matthias Strolz brachte eine Halbierung der Parteienförderung und die Abschaffung verpflichtender Kammermitgliedschaften ins Spiel. Noch wichtiger sei ihm jedoch ein grundlegender Perspektivenwechsel: Österreich brauche ein gemeinsames Zukunftsbild, das unter maßgeblicher Beteiligung der Unternehmen entwickelt wird und die unternehmerischen und kreativen Kräfte des Landes neu entfacht.
Hans Harrer, Vorstandsvorsitzender des SENAT DER WIRTSCHAFT und Herausgeber von BOOM, appellierte in seiner Conclusio an die Bereitschaft, notwendige Veränderungen endlich anzugehen: „Wir brauchen keine weiteren Studien. Wir brauchen den Mut, sie umzusetzen.“
Der SENAT DER WIRTSCHAFT setzt sich für bessere Rahmenbedingungen für Eigenkapital und langfristige Investitionen, eine zukunftsfähige Altersvorsorge mit kapitalgedeckter Ergänzung sowie die Erleichterung von Unternehmensnachfolgen ein.
Das Fazit des Abends: Österreich hat die Unternehmen, das Kapital und das Know-how, um seine wirtschaftliche Zukunft erfolgreich zu gestalten. Was es jetzt braucht, sind ein Staat, der sich zurücknimmt, Reformbereitschaft, unternehmerische Freiheit und den Mut, notwendige Entscheidungen nicht länger aufzuschieben.
Denn Wohlstand lässt sich nicht auf Dauer verwalten. Er muss erwirtschaftet, erneuert und an die nächste Generation weitergegeben werden, nur so wird der soziale Frieden gesichert.
Fotos und Video zur Veranstaltung finden Sie hier
Fotocredit: © leadersnet.at/ D. Mikkelsen















