Warum das Festhalten an Stabilität zum Risiko wird

Unternehmen agieren zunehmend in einem Umfeld, das nicht mehr von planbarer Stabilität, sondern von dauerhafter Unsicherheit geprägt ist. Klassische Risikokategorien stoßen dabei immer häufiger an ihre Grenzen. Unsicherheit wird nicht länger als Ausnahme wahrgenommen, sondern entwickelt sich zum strukturellen Normalzustand wirtschaftlicher Entscheidungen.

Am 25. Juni widmete sich die SENAT-Lounge des SENAT DER WIRTSCHAFT gemeinsam mit SENAT-Partner Aon Austria unter dem Titel „Risiken neu denken: Was Top-Entscheider 2026 wissen müssen“ den zentralen Fragen eines sich wandelnden Risikomanagements. Im Fokus standen Cyberrisiken, geopolitische Entwicklungen und die zunehmende Komplexität regulatorischer Rahmenbedingungen.

Grundlage der Diskussion bildeten die aktuellen Ergebnisse des Aon Global Risk Management Survey 2025. Die weltweit durchgeführte Befragung von rund 3.000 Entscheidungsträgern aus 63 Ländern zeigt deutlich: Technologische, geopolitische, wirtschaftliche und personelle Risiken sind heute enger miteinander verflochten als je zuvor.

Cyber-Risiken bleiben die größte Herausforderung

Wie bereits in den vergangenen Jahren stehen Cyber-Risiken sowohl weltweit als auch in Österreich an erster Stelle der größten Unternehmensrisiken. Dahinter folgen Betriebsunterbrechungen, Rohstoffpreis- und Materialknappheit, zunehmender Wettbewerb, Lieferkettenstörungen sowie regulatorische Veränderungen. Besonders auffällig ist die hohe Relevanz von Materialknappheit, Projekt- und Umsetzungsrisiken sowie konjunkturellen Unsicherheiten für österreichische Unternehmen. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass operative Risiken zunehmend mit strategischen Fragestellungen verschmelzen.

Risiko als neue Rahmenbedingung wirtschaftlichen Handelns

Bereits in seiner Begrüßung beschrieb Mahdi Allagha, Mitglied der Geschäftsleitung des SENAT DER WIRTSCHAFT, den grundlegenden Perspektivwechsel:

„Risiken sind heute kein Ausnahmezustand mehr, sondern der Rahmen, in dem wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden. Unternehmen können sich nicht mehr darauf verlassen, dass Stabilität die Ausgangsbasis ihrer Planung ist. Entscheidend ist deshalb nicht die Prognose einzelner Entwicklungen, sondern die Fähigkeit, unter permanent unsicheren Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.“

Damit verschiebt sich der Fokus von der Vorhersagbarkeit einzelner Ereignisse hin zur Fähigkeit, unter Unsicherheit konsequent und strategisch zu handeln.

 Zunehmend komplexe Risikolandschaft

Senator Mag. Harald Luchs, Geschäftsführer von Aon Austria, verwies auf die zunehmende Überlagerung verschiedener Risikofaktoren:

„Cyberrisiken stehen weiterhin an erster Stelle, doch in Österreich sehen wir gleichzeitig eine deutliche Häufung von Projektrisiken und Schwierigkeiten bei der Umsetzung größerer Vorhaben. Auffällig ist dabei weniger das einzelne Risiko als vielmehr die Tatsache, dass unterschiedliche Belastungsfaktoren gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken.“

Zugleich würden sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen heute in einer Geschwindigkeit verändern, die Unternehmen und Institutionen gleichermaßen vor Herausforderungen stellt. Dadurch verlieren klassische Risikokategorien zunehmend an Trennschärfe und Risiko wird immer stärker als permanenter Betriebszustand wahrgenommen.

Geopolitik wird zum strategischen Erfolgsfaktor

Einen zentralen inhaltlichen Impuls setzte Dr. Benita Ferrero-Waldner, Präsidentin des SENAT DER WIRTSCHAFT und ehemalige EU-Kommissarin, mit ihrer Keynote „Wie geopolitischer Weitblick unternehmerische Souveränität fördert“.

Sie machte deutlich, dass geopolitische Entwicklungen heute direkt auf Märkte, Lieferketten und Investitionsentscheidungen einwirken und damit zu einem festen Bestandteil unternehmerischer Realität geworden sind.

“Das bedeutet, dass geopolitische Zusammenhänge systematisch in strategische Entscheidungsprozesse einbezogen werden müssen, da sie unmittelbare Auswirkungen auf unternehmerische Handlungsspielräume haben.”

Unternehmerische Souveränität definiert sich damit weniger über Stabilität als über die Fähigkeit, Veränderungen frühzeitig einzuordnen, strategisch darauf zu reagieren und auch unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben.

Risikomanagement als Führungsaufgabe

Im der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Senator Mag. Helmut Schoba, Herausgeber von NEWS, diskutierten Benita Ferrero-Waldner, Harald Luchs und Senator Martin Kreuzer, CEO der K-Industries Gruppe, über die praktischen Konsequenzen für Unternehmen.

Kreuzer brachte die neue Realität unternehmerischer Entscheidungen auf den Punkt:

„Die zentrale Herausforderung für Unternehmen besteht nicht mehr darin, Risiken vollständig zu vermeiden. Entscheidend ist vielmehr, unter Bedingungen unvollständiger Informationen dennoch strukturiert und nachvollziehbar Entscheidungen treffen zu können. Unternehmen müssen lernen, auch unter Unsicherheit ihre Handlungsfähigkeit zu sichern.“

Risikomanagement wird damit von einer operativen Funktion zu einer zentralen Führungsaufgabe und zu einem integralen Bestandteil strategischer Unternehmenssteuerung.

Resilienz entsteht im Zusammenspiel

Den Schlusspunkt setzte Hans Harrer, Vorstandsvorsitzender des SENAT DER WIRTSCHAFT. Er verwies auf die Bedeutung starker Netzwerke und funktionierender Kooperationen zwischen Wirtschaft, Politik und Institutionen.

„Resilienz lässt sich nicht allein auf Ebene einzelner Unternehmen herstellen. Sie entsteht dort, wo Austausch funktioniert, Verantwortung geteilt wird und Entscheidungen aufeinander abgestimmt werden. Ohne diese Koordination bleibt Resilienz ein Anspruch ohne praktische Wirkung.“

Unsicherheit als Dauerzustand

Die Diskussion machte deutlich, dass sich die Wahrnehmung wirtschaftlicher Realität grundlegend verändert hat. Nicht einzelne Risiken prägen das Umfeld, sondern ihre Gleichzeitigkeit, ihre Wechselwirkungen und ihre dauerhafte Präsenz.

Für Unternehmen bedeutet das eine Abkehr von Planungsmodellen, die auf stabile Rahmenbedingungen ausgerichtet sind. Stattdessen rückt Anpassungsfähigkeit in den Mittelpunkt erfolgreicher Unternehmensführung – nicht als Reaktion auf Ausnahmefälle, sondern als dauerhafte strategische Kompetenz.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, welche Krise als Nächstes kommt. Entscheidend ist, wie schnell Organisationen unter wechselnden Bedingungen handlungsfähig bleiben, fundierte Entscheidungen treffen und gleichzeitig ihre strategische Orientierung bewahren können.

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Fotocredit: © leadersnet.at C. M. Stowasser